Was ist FQAD?

Wenn Nebenwirkungen zu einem langfristigen Krankheitsbild werden

Human anatomy diagram showing internal organs with glowing icons for brain, heart, and DNA on blue background.
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FQAD steht für Fluoroquinolone-Associated Disability. Auf Deutsch bedeutet das sinngemäß: fluorchinolonassoziierte Behinderung oder fluorchinolonbedingte Invalidität.

Gemeint ist ein komplexes Krankheitsbild, das nach der Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika auftreten kann. FQAD beschreibt keine einzelne Nebenwirkung, sondern ein multisymptomatisches und multisystemisches Syndrom.

Das bedeutet: Die Beschwerden treten nicht isoliert an einer einzelnen Stelle auf, sondern betreffen verschiedene Körpersysteme gleichzeitig!

Mehr als eine einzelne Nebenwirkung

Im Gegensatz zu möglichen vereinzelt auftretenden Nebenwirkungen durch Fluorchinolone meint FQAD kein einzelnes Symptom, sondern ein komplexes multisymptomatisches Krankheitsbild nach der Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika. Sie verschwinden nicht durch absetzen des Antibiotikums, sondern vervielfältigen oder verändern sich im Laufe von Monaten und Jahren.

Diese Nebenwirkungen können schwerwiegend, dauerhaft und lebensverändernd sein. Entscheidend ist das Muster: Es treten mehrere Beschwerden an mehreren Organsystemen auf, die oft eine anhaltende Einschränkung der Lebensführung bedeuten.

Betroffene bezeichnen sich selbst häufig als „gefloxt“. Dieser Begriff beschreibt den Zustand nach einer Schädigung durch Fluorchinolone und wird vor allem in Betroffenenkreisen verwendet.

Ein multisystemisches Krankheitsbild

Besonders häufig treten Beschwerden am Bewegungsapparat, am peripheren und zentralen Nervensystem, an Sehnen, Muskeln, Gelenken, der Psyche, dem Herz-Kreislauf-System, in kollagenhaltigen Strukturen, dem Bindegewebe, dem Darm/Mikrobiom und dem Energiestoffwechsel auf.

Typisch ist, dass die Beschwerden häufig nicht zusammenpassen. Tritt z.B. eine Sehnenentzündung und eine Panikattacke gleichzeitig auf, erkennen sowohl Ärzt*innen als auch Patient*innen den Zusammenhang häufig nicht.

Genau diese Vielschichtigkeit macht FQAD schwer erkennbar: Die Symptome wirken auf den ersten Blick oft wie viele einzelne Probleme. Tatsächlich kann dahinter aber ein gemeinsames Muster stehen.

Übersicht zu FQAD als multisystemischem Krankheitsbild mit Symbolen für 9 häufig betroffene Bereiche
Übersicht zu FQAD als multisystemischem Krankheitsbild mit Symbolen für 9 häufig betroffene Bereiche
Zentrale Schädigungsbereiche

Zu den häufig beschriebenen Schädigungsbereichen gehören unter anderem:

  • mitochondriale Toxizität und oxidativer Stress

  • Kollagen- und Bindegewebsschäden

  • neurotoxische Schäden am peripheren und autonomen Nervensystem

  • zentralnervöse Beschwerden durch Störungen des GABA-Systems

  • Beschwerden an Sehnen, Muskeln und Gelenken

  • psychische und kognitive Symptome wie Angst, Panik, Schlafstörungen oder Brain Fog

Medical illustration of the human nervous system featuring a brain, neurons, synapses, and mitochondria.
Medical illustration of the human nervous system featuring a brain, neurons, synapses, and mitochondria.
Wenn Einzeldiagnosen das Gesamtbild verdecken

Viele Betroffene erhalten im Laufe der Zeit mehrere einzelne Diagnosen. Ein Neurologe erkennt vielleicht eine Neuropathie. Ein Orthopäde diagnostiziert eine Tendinitis. Ein Psychiater sieht Angst, Panik oder Schlafstörungen. Ein Gastroenterologe behandelt Verdauungsbeschwerden. Ein Kardiologe findet Herzrasen oder eine vegetative Dysregulation usw..

Jede dieser Diagnosen kann für sich genommen richtig sein. Das Problem ist: Der gemeinsame Auslöser wird dabei übersehen.

Wenn jeder Fachbereich nur sein eigenes Organsystem betrachtet, bleibt das eigentliche Muster unsichtbar. So wird aus einer zusammenhängenden multisystemischen Arzneimittelschädigung eine Sammlung einzelner Beschwerden.

Genau dadurch wird FQAD häufig nicht als eigenes Krankheitsbild erkannt. Die einzelnen Puzzleteile sind vorhanden, aber sie werden nicht zusammengesetzt.

8 medizinische Fachrichtungen führen mit Pfeilen zu FQAD als häufig übersehenem gemeinsamen Muster
8 medizinische Fachrichtungen führen mit Pfeilen zu FQAD als häufig übersehenem gemeinsamen Muster
Anerkennung durch die FDA

In den USA markiert währenddessen der seit dem 1. Oktober 2025 geltende ICD-10-CM-Code T36.AX5 (Adverse effect of fluoroquinolone antibiotics) einen Wendepunkt für die medizinische Anerkennung. Zwar wurde die Begrifflichkeit FQAD nicht explizit benannt, dennoch wurde das komplexe Krankheitsbild, welches durch Fluorchinolone entstehen kann, als ICD aufgenommen und damit anerkannt. Während das Krankheitsbild dort formal verankert ist, müssen Betroffene in Deutschland weiterhin mühsam um Anerkennung kämpfen, da das Syndrom hier oft als bloße „Summe von Nebenwirkungen“ statt als zusammenhängendes Krankheitsbild fehlgedeutet wird.

Situation in Deutschland

In Deutschland hat die zuständige Behörde, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), den im Jahr 2024 durch Dr. Pieper gestellten Antrag auf die Einführung eines eigenständigen Primär-ICD-Codes für die “Vergiftung durch Fluorchinolone” sowie deren “spezifisches chronifizierte Vergiftungsbild (FQAD)” abgelehnt.

Das BfArM hat auch unseren Anträgen auf Einführung eines primären ICD-10-GM Codes im Jahr 2025 weder auf die “Vergiftung durch Fluorchinolone” noch auf “FQAD” entsprochen. Stattdessen verweist das BfArM darauf, dass die einzelnen gesundheitlichen Folgen jeweils über bestehende Einzeldiagnosen abgebildet werden sollen. Anstelle eines Primärcodes wurde ab dem 01.01.2026 der Sekundärcode Y57.90! „Komplikationen durch Fluorchinolone“, welcher optional an eine Primärdiagnose angehängt werden kann, eingeführt. Ein erster Schritt, jedoch nicht hinreichend genug.

Diese Vorgehensweise entspricht unserer Auffassung nach nicht der Kodierlogik und verhindert die Anerkennung dieser zusammenhängenden multisystemischen Arzneimittelschädigung, sowie eine repräsentative Erhebung von Fallzahlen. Nach unserer Erfahrung zeigt sich in der Praxis, dass niedergelassene Ärzt*innen mit der Existenz und Anwendung eines Sekundärcodes häufig nicht vertraut sind. In der Folge unterbleibt die Verwendung eines Sekundärcodes vielfach.

Gegen dieses Vorgehen des BfArM haben wir am 28. September 2025 eine Fachaufsichtsbeschwerde beim Bundesministerium für Gesundheit, in Persona Frau Gesundheitsministerin Nina Warken, eingereicht.

Die drei Kernkriterien für FQAD laut FDA

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) warnte bereit Jahre vor der europäischen und deutschen Behörde vor den potentiell irreversiblen Langzeitfolgen durch Fluorchinolone und benannte die invalidisierenden Nebenwirkungen im Jahr 2015 als Fluoroquinolone-associated Disability kurz FQAD und erkannte es als eigene medizinische Entität an.

Nach Definition der FDA liegt FQAD vor, wenn drei zentrale Kriterien erfüllt sind:

1.
Deutliche Einschränkung der normalen Lebensführung

Diese Kriterien sind wichtig, weil sie FQAD von einer üblichen, kurzfristigen Nebenwirkung unterscheiden.
FQAD meint nicht eine einzelne vorübergehende Reaktion, sondern ein anhaltendes Schädigungsmuster mit deutlicher Auswirkung auf Alltag, Belastbarkeit und Lebensqualität.

2.
Es sind mindestens zwei Organsysteme betroffen.
3.
Die Symptome halten länger als 30 Tage nach Beendigung der Antibiotika-Therapie an.
Entwicklung eines Fragebogens zur Diagnostik und Erweiterung der FQAD-Verlaufsformen

Die bisherigen Kriterien zur Beschreibung von FQAD reichen nach Einschätzung von Dr. Stefan Pieper nicht aus, um das Krankheitsbild zuverlässig zu erfassen. Dr. Pieper beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Fluorchinolon-Schäden und betreut Betroffene aus verschiedenen Ländern. Aus seiner Sicht sind die vorhandenen Kriterien weder spezifisch noch sensitiv genug, um die unterschiedlichen Ausprägungen, zeitlichen Verläufe und Symptomkombinationen von FQAD angemessen abzubilden.

Aus diesem Grund hat er einen Fragebogen entwickelt, der eine strukturiertere diagnostische Einschätzung ermöglichen soll. Dieser Fragebogen wird zunehmend von Ärzt*innen zur Einordnung von FQAD verwendet. Gleichzeitig kann er auch von Patient*innen selbst ausgefüllt werden, ohne dass dafür unmittelbar ärztliche Hilfe erforderlich ist. Dadurch kann er helfen, Symptome systematischer zu erfassen, zeitliche Zusammenhänge zur Einnahme von Fluorchinolonen besser darzustellen und ärztliche Gespräche vorzubereiten.

Wir haben eine interaktive FQAD-Checkliste auf Grundlage von Dr. Piepers Fragebogen erstellt. Unser Fokus lag hierbei auf den für die Diagnose relevanten Fragen.

Darüber hinaus schlägt Dr. Stefan Pieper in seinem Buch eine Unterscheidung zwischen einer akuten und einer chronischen Form von FQAD vor. Eine akute FQAD, auch aFQAD genannt, beschreibt Verläufe, bei denen sich die Beschwerden innerhalb von sechs Monaten wieder zurückbilden. Von einer chronischen FQAD, kurz cFQAD, wird gesprochen, wenn die Symptome über diesen Zeitraum hinaus bestehen bleiben.

Die Unterscheidung zwischen akuten und chronischen Verläufen kann helfen, den Verlauf besser einzuordnen und die Beschwerden nicht vorschnell als „vorübergehend“, „psychisch“ oder „unabhängig vom Medikament“ abzutun was auch sozialmedizinische Aspekte hat.

Warum FQAD oft nicht erkannt wird

Ein großes Problem ist, dass es bislang keinen allgemein etablierten klinischen Biomarker gibt, mit welchem FQAD eindeutig nachgewiesen werden kann.
Viele Standarduntersuchungen wie Routine-Laborwerte oder MRT weitgehend bleiben unauffällig. Das bedeutet jedoch nicht, dass keine Schädigung vorliegt. Das führt häufig dazu, dass Betroffene nicht ernst genommen werden. Nicht selten landen sie in der psychosomatischen Ecke oder werden als Hypochonder abgestempelt.

Die Diagnose müsste vor allem über eine sorgfältige Anamnese erfolgen:

  • Wann wurde welches Fluorchinolon eingenommen?

  • Welche Beschwerden traten auf?

  • Wann traten die Symptome auf?

  • Welche Organsysteme sind betroffen?

  • Wie lange bestehen die Symptome?

  • Haben sich Beschwerden unter Stress, Infekten oder bestimmten Medikamenten verschlechtert?

Genau diese Anamnese findet in der Praxis jedoch häufig nicht statt.

Stattdessen werden die einzelnen Symptome zu vielen Einzeldiagnosen: Tendinitis, Neuropathie, Angststörung, Schlafstörung, Fatigue, vegetative Dysregulation oder psychosomatische Beschwerden, um nur einige davon zu nennen. Möglichen psychischen Beschwerden liegen aufgrund der Fluorchinolon bedingten Schädigung plausible neurobiologische Mechanismen zugrunde. Betroffene erhalten trotz dieser Tatsache und oft auch bei allein körperlichen Beschwerden nicht selten eine rein psychische oder psychosomatische Diagnose.

Dadurch wird das eigentliche Gesamtbild und damit die multisystemische Erkrankung FQAD schlicht nicht erkannt.

Die Situation der Betroffenen

Für Betroffene ist FQAD nicht nur eine medizinische, sondern auch eine soziale, finanzielle und psychische Belastung. Viele erleben einen plötzlichen Bruch in ihrem Leben. Menschen, die zuvor gesund und belastbar waren, können nach der Einnahme teilweise nur einer Tablette, sowie der Verabreichung von Augen- oder Ohrentropfen über Jahre hinweg schwer oder dauerhaft eingeschränkt sein. Junge Menschen, die zuvor selbstständig waren, werden teilweise zu Pflegefällen oder sind auf familiäre Hilfe angewiesen und sind gezwungen ins Kinderzimmer zurückzuziehen.

Gleichzeitig gibt es weiterhin nahezu keine spezialisierten Anlaufstellen (uns ist genau eine bekannt – Praxis Dr. Pieper), wenig Bekanntheit im medizinischen Alltag und eine hohe Gefahr der Fehldeutung, schlimmer noch, der Negierung.

Das führt dazu, dass Betroffene häufig nicht nur mit ihren Symptomen kämpfen, sondern auch mit fehlender Anerkennung, mangelnder Versorgung, sozialen und finanziellen Einschränkungen. Zusätzlich erfordert es häufig viel Eigeninitiative sowie -recherche, die Beschwerden, ihren zeitlichen Zusammenhang mit der Fluorchinoloneinnahme und das gesamte Krankheitsbild gegenüber Ärzt*innen, Behörden und dem persönlichen Umfeld nachvollziehbar zu vermitteln – nicht immer mit der erhofften Resonanz.

Warum FQAD ernst genommen werden muss

Die Anerkennung als zusammenhängendes Syndrom sind entscheidend für Prävention, politische Maßnahmen, Forschung und Versorgung. Nur wenn der Zusammenhang erkannt wird, kann FQAD angemessen dokumentiert und statistisch erfasst, sowie Betroffene ursachengerecht versorgt werden.

Ohne adäquate Anerkennung bleibt diese schwere medikamenteninduzierte Erkrankung im Versorgungssystem weiterhin unsichtbar.

Kontakt

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info [at] fqad-deutschland.de

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